Lebensgrundlagen der Gestungshäuser
Wovon lebten die Gestungshäuser ?
Nachdem die Bauern vom Joch der Grundherren befreit waren, hatte die Landwirtschaft sicherlich eine größere Bedeutung als heute. Die Bonität der Böden ließ schon immer zu wünschen übrig. Das bergige Gelände war nicht gerade von Vorteil, ebenso der sandige bzw. steinige Boden. Die Erträge dienten vor allem dem Eigenbedarf. "Große Bauern" gab und gibt es eigentlich nur 2 (Maadsche und Renner). Sie konnten sich sogar Pferde leisten. Die "Kleineren Bauern" hielten sich nur Kühe (vor allem als Zugtiere), etliche davon auch Pferde. Schweine, auch zum Verkauf. Schafe hielt man nur selten. Der "Kleinbauer" arbeitete nur in der Landwirtschaft, wie man heute sagen würde, als Nebenerwerb. Seine Kühe waren Ziegen, aber das Halten von 1 - 2 Kühen war auch nicht gerade selten. Andere Tiere waren die Stallhasen, Hühner, Tauben, Gänse und Enten. Schweine hielt man zum Eigenbedarf und wenn es gut ging noch eines zum Verkauf. Von den reichen Leuten wurden sogar Fische in Privatweihern gezüchtet. Bienenvölker gab es nur sehr wenige.
Die Jagd wurde, nachdem sie Gemeindeeigentum geworden war, verpachtet. Pächter waren um 1920, 1930: Metzgermeister Eckert, Coburg, Hermann Dötschel und Berthold Gruber.
Der Obstbau spielte hier eine geringe Rolle. Obstbäume gab es nur an den Hängen des Weinbergs, entlang der Straßen und in den Hausgärten. Die Bäume entlang der Straßen wurden jährlich versteigert. Im Westen und Süden des Dorfes standen und stehen nur wenige Obstbäume. So ist der Höhberg fast baumfrei; auch der Mödlitzer Berg.
An Rohstoffen ist Gestungshausen sehr arm. Holz gibt es allerdings genug. Der Buntsandstein liefert jedoch gutes Baumaterial und gute Bausteine. Er wurde vom Steinbruch "an der Wand" (unterhalb des Fernsehumsetzers) sowie von den Steinacher Hängen und am Kostbergipfel gewonnen und als Sockelstein für Häuser und Scheunen verwenden. Ton gab es kaum; der Töpfer mußte diesen sich von auswärts besorgen. Der Weinberg lieferte den Muschelkalk zum Brennen. 2 Öfen waren in Betrieb.
Handwerker gab es jedoch genug. Folgende Berufe waren hier vertreten: Dachdecker, Zimmerleute, Maurer, Bäcker, Schuster, 1 Töpfer, 1 Gärtner, Büttner, Wagner, Schmied (er war auch zugleich der Elektrofachmann). Der Schreiner war zugleich der Glaser, Metzger waren zumeist die Gastwirte, sie tätigten auch die Hausschlachtungen, Kalkbrenner, 1 Platten- und Rohrmacher, Müller, Tüncher (Maler) und Gemeindearbeiter.
Die Schuhe wurden zumeist noch vom Schuster handgefertigt. Bader war ein guter Sanitäter und den Dorffriseur machte einer im Nebenerwerb. Ein Saisonberuf wurde vom Dampfermichel ausgeübt. Er zog mit seiner Dampfmaschine von Hof zu Hof. Hinzu kommen noch 1 Uhrmacher und 1 Schneider.
An Gastwirtschaften war um diese Zeit (1920-1930) das Dorf nicht gerade arm: Eckert, Dueblsmax, Maadscher, Kles, Schreiner und die Knauersche. 5 davon versorgten auch die Gestungshäuser mit Fleisch- und Wurstwaren.
Die Motorisierung kam nur langsam voran. Das erste motorisierte Fahrzeug hatte Hermann Dötschel, Es war ein Motorrad der Marke Zündapp. In diesem Zusammenhang sei an das 1. Autounglück erinnert. Es war ein Sonnefelder Arzt, der in der Nähe des Galgenackers in den Straßengraben fuhr. Pech hatte auch ein Kirchweihbesucher, als er die Heimfahrt antreten wollte. Der startete sein Auto und der Motor fing Feuer, es konnte jedoch gleich wieder gelöscht werden. "Das 1. Lastauto hatte der Grubers-Fritz, es mußte im 2. Weltkrieg an die Wehrmacht abgeliefert werden."
Die Bedürfnisse anderer Art wurden von den sogenannten Kolonialwaren-Händlern gedeckt. Um die Berichtszeit gab es bei uns folgende Läden: Caspar (Gemischtwaren), Weber (Gemischtwaren), Eichhornstoni (Gemischtwaren), später kamen die Houer dazu. Der Raiffeisen versorgte die Bevölkerung mit Brennstoffen, Dünger, Mehl und andere Futtermittel. Bald hatte auch der Konsum (Otto) hier Fuß gefaßt. Für Bekleidung sorgte der Schedelbeck.
Auch von Industrie kann in Gestungshausen die Rede sein. Hier nannte man so etwas "Werkstätten". Die führende war der Hartan. Hier wurden Sessel, Truhen, Waschkörbe und vieles andere hergestellt. Angelernte Berufe gab es nur wenige. Viele gingen einfach in die Werkstatt und verdienten sich dort ihr Brot. Hermann Dötschel und Rudolf Hertha hatten gleiche, wenn auch kleinere Betriebe. Viele Rohstoffe, die der Herstellung von solchen Erzeugnissen dienten, mußten erst gefärbt werden. So eröffnete Richard Schulz eine Färberei (später Drogerie). Gruber (später der "Pachter") stellte Platten und Rohre her.
Kalkbrennereien betrieben der "Schulz", später Fugmann und der "Gruber". Die Haupteinnahmequelle war jedoch für viele die Heimarbeit. Diese ist ausschließlich der Korbmacherei zuzuordnen. Die Erzeugnisse mußten zunächst alle nach Lichtenfels "geliefert" werden. Später kamen hinzu Sonnefeld und Mitwitz als Lieferorte. Eine Frau übernahm diese Tätigkeit. Mit dem Huckelkorb transportierte sie die Körbchen usw. zu Fuß nach Lichtenfels. Wer würde heute so etwas beschwerliches tun? Sie besorgte sogar dort die Einkäufe und wanderte, wieder schwerbepackt, dem Heimatdorfe zu. Etwas angenehmes hatte die Heimarbeit auch zu bieten. Man ging mit seiner "Arbeit" zu Nachbarn, unterhielt sich und tauschte Neuigkeiten aus.
Eine Abwechslung brachte auch der Silbersandmann, der aus der Kronacher Gegend (Wüstung) ins Dorf kam und Neuigkeiten verbreitete. Der feine Sand wurde becherweise verkauft und zum Reinigen der Fußböden, die aus rohem Holz bestanden, benötigt.
Wie kam es überhaupt zu dieser Art der Beschäftigung ?
Der karge Boden lag in den Händen größerer und kleinerer Bauern. Die Tropfhäusler (der Grundbesitz der Bewohner reichte nur so weit, wie vom Dach das Regenwasser herunterfiel) gab es nur wenige. Wo aber kein Grundbesitz vorhanden ist, sind die Einnahmen nur gering. So mußte ein Verdienstersatz her. Die Gelegenheit dazu bot Herr Birnstiel aus Firmelsdorf. Er führte bei uns die Korbmacherei (das Stricken) ein. Diese Tätigkeiten fanden bei uns Eingang über die Orte Weismain, Brugkunstadt, Michelau, Weidhausen, Sonnefeld und Firmelsdorf. Das geschah bei uns um das Jahr 1800. Folgende Orte schlössen sich später an: Mitwitz, Hassenberg, Schneckenlohe. Andreas Birnstiel unterrichtete die Lernwilligen.
Der Verdienst der Heimarbeiter war allerdings sehr gering. Oft war daher die ganze Familie mit Stricken oder Flechten beschäftigt. Es sei allerdings nicht verheimlicht, daß die Lebenshaltungskosten auch gering waren. Trotzdem wurde die Heimarbeit mit Hungerlöhnen belohnt (1870): 1 Seidel Bier kostete 10 Pfennige, 1 Bratwurst mit Semmel 13 Pfennige, 1 Paar Wiener mit Sauerkraut und Brot 30 Pfennige, Rinderbraten 50 Pfg. und 1 Teller saure Fleck 25 Pfg. Der Liefertag war für manche Leute ein Festtag, an dem man auch einmal einkehren durfte. Geliefert wurde später nur noch nach Mitwitz und Sonnefeld. Aber bald übernahmen das Geschäft 2 Gestungshäuser Geschäftsleute.
Welche Materialien wurden hier verarbeitet? Zum Stricken brachte man Rohr und Schilf. Letzteres mußte erst vorbereitet werden: Trennen der Blätter vom Palmwedel und dann schwefeln. So wurde der Schilf weiß, am Schluß mußte er noch geschlissen werden. Die breiten Blätter wurden mit dem Reißer (unter Verwendung einer unbrauchbar gewordenen Uhrfeder) in passende Streifen zerlegt. Von Prima bis Ausschuß reichten die Streifenbreiten. Zur Herstellung größerer Gebrauchsgegenstände benötigte man Weiden, die in den feuchten Wiesen, an den Bächen angepflanzt waren. Bald kamen andere Materialien hinzu: Raffiabast, Peddigrohr, Ellaschnur, Bondoot, Stroh, Wachstuch, Leder und Lisch.
Die Herstellung verschiedenster Gegenstände aufzuzählen ist fast nicht möglich; sie reichte vom Geschenkkorb bis zu den feinsten Körbchen, vom Sessel zum Schaukelstuhl.
Etwas über die erste Werkstatt in Gestungshausen, der heutigen Firma HARTAN
Gründer der Firma:Johann Georg Hartan
Gründungsjahr:1892
Aus einem Familienbetrieb entwickelte sich die Firma HARTAN zu einem Unternehmen, das heute weltweit bekannt ist. Die Produktion begann mit der Herstellung von Korbwaren, Korbmöbeln, Wäschetruhen und Gartenmöbeln. Anfang der 50er Jahre wurde die Fertigung von Kinderwagen aufgenommen und die Produktion wurde im Laufe der Jahre komplett auf diesen Fertigungszweig umgestellt. Die Lieferungen werden heute über das Bundesgebiet hinaus ins gesamte europäische Ausland und nach Übersee vorgenommen.
Der heutige Inhaber, Reinhold Hartan übernahm den Betrieb im Jahre 1929. Von ehemals drei Beschäftigten hat sich der Mitarbeiterstamm auf heute 250 erhöht. Unterstützt wird Reinhold Hartan von seinen Söhnen Gerhard und Rolf.
Der Betrieb wurde kontinuierlich erweitert und von der Hafengasse in die Kronacher Straße verlegt. Heute werden die Produkte auf einer Betriebsfläche von ca. 20.000 qm produziert.
Die Firma ist ein Förderer aller Gestungshäuser Vereine.
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